Dein Kind rutscht ständig auf dem Stuhl herum, legt das Heft schief und ist bei den Hausaufgaben schnell erschöpft. Beim Ballspielen wirkt es unsicher, und das Abschreiben von der Tafel kostet viel Kraft. Vielleicht bist du beim Suchen auf frühkindliche Reflexe gestoßen und fragst dich: Kann ich selbst testen, ob sie noch aktiv sind?
Kurz gesagt: Frühkindliche Reflexe kannst du zu Hause nicht sicher testen. Beobachten kannst du aber sehr gut. Hinweise zeigen sich oft im Alltag: beim Sitzen, Schreiben und Lesen, bei Gleichgewicht und Bewegung, bei der Impulskontrolle oder beim Einschätzen von Abständen und Zeit. Keine dieser Beobachtungen beweist etwas. Ein Kind kann aus vielen Gründen zappeln oder schief schreiben. Klarheit bringt erst ein genauer Blick in der Praxis. Ein guter erster Schritt ist der KinFlex®-Fragebogen.
Darum geht es in diesem Artikel
Was heißt eigentlich „noch aktiv“?
Kann ich frühkindliche Reflexe selbst testen?
Woran du im Alltag etwas bemerken kannst
Beobachten statt testen
Was sonst dahinterstecken kann
Wann sich ein genauerer Blick lohnt
So schaue ich in der Praxis hin
Häufige Fragen von Eltern
Was heißt eigentlich „noch aktiv“?
Frühkindliche Reflexe sind Bewegungsmuster, mit denen jedes Baby zur Welt kommt. Sie helfen ihm, sich zu drehen, zu krabbeln und die Welt zu entdecken. Mit der Zeit treten sie in den Hintergrund.
Danach entwickeln sich die Halte- und Stellreflexe, zum Beispiel der Landau- und der Amphibienreflex. Sie bleiben ein Leben lang. Mit ihnen halten wir das Gleichgewicht und bleiben aufrecht, ohne darüber nachzudenken.
Vielleicht hast du schon von Reflexintegration oder restaktiven Reflexen gelesen. Gemeint ist: Ein frühkindlicher Reflex ist nicht ganz in den Hintergrund getreten. Bei KinFlex® schauen wir etwas anders hin. Wir gehen davon aus, dass ein Reflex noch gestresst sein kann. Dann gibt es Blockaden, Restbewegungen oder ein Ungleichgewicht. Das kann einem Kind Kraft kosten, die ihm an anderer Stelle fehlt.
Was frühkindliche Reflexe genau sind und welche es gibt, liest du in meinem Überblick „Frühkindliche Reflexe“.
Kann ich frühkindliche Reflexe selbst testen?
Im Internet findest du viele Anleitungen. Sie sehen meist einfach aus. Ich rate trotzdem davon ab, und zwar aus vier Gründen:
- Die Ausführung ist genauer, als sie aussieht. Kleine Abweichungen verändern das Ergebnis.
- Das Deuten ist noch schwieriger. Ist das eine Restbewegung? Oder einfach ein müdes Kind?
- Dein Kind merkt, dass es geprüft wird. Viele Kinder strengen sich dann besonders an. Andere machen dicht.
- Am Ende stehst du mit falscher Sorge da. Oder mit falscher Beruhigung.
Beobachten kannst du dagegen sehr gut. Du erlebst dein Kind jeden Tag, in ganz unterschiedlichen Situationen. Das ist für mich später eine wertvolle Hilfe.
Woran du im Alltag etwas bemerken kannst
Eltern kommen meist nicht wegen der Reflexe zu mir. Sie kommen, weil etwas im Alltag schwerfällt. Am häufigsten geht es um Konzentration, Stillsitzen, Impulskontrolle, Lesen und Schreiben. Dazu kommen oft Dinge, die auf den ersten Blick gar nichts damit zu tun haben.
Unter jeder Gruppe steht, auf welche Reflexe wir in der Reflexarbeit dann oft schauen. Das ist Erfahrungswissen und keine Diagnose. Ein einzelner Punkt sagt wenig aus.
Konzentration und Stillsitzen
- zappelt, rutscht auf dem Stuhl hin und her, steht oft auf
- lümmelt, stützt den Kopf in die Hand oder legt sich halb auf den Tisch
- sitzt auf einem Bein oder wickelt die Beine ums Stuhlbein
- ist nach kurzer Zeit erschöpft
Oft schauen wir auf: STNR, Spinaler Galant
Lesen und Schreiben
- legt Blatt oder Heft schief vor sich
- die Schrift wandert, Linien halten ist schwer
- verliert beim Lesen die Zeile
- Abschreiben von der Tafel kostet viel Kraft
- hält den Stift sehr fest oder verkrampft
Oft schauen wir auf: ATNR, STNR
Impulskontrolle und Reize
- handelt, bevor es nachdenkt
- ist schreckhaft, Geräusche, Licht oder Berührung werden schnell zu viel
- wird bei Überraschungen schnell laut oder wütend
- tut sich schwer mit Veränderungen
Oft schauen wir auf: Moro-Reflex
Gleichgewicht und Bewegung
- ist unsicher beim Balancieren, Klettern oder Radfahren
- Schwimmen lernen fällt schwer
- Bälle fangen klappt kaum
- wirkt tollpatschig und stößt sich oft
Oft schauen wir auf: TLR, Landau-Reflex, Amphibienreflex
Raum, Zeit und sich organisieren
- schätzt Abstände und Geschwindigkeit schwer ein, etwa beim Ballspielen oder im Straßenverkehr
- hat wenig Gefühl für Zeit: Wie lange sind eigentlich zehn Minuten?
- verwechselt oft rechts und links
- tut sich schwer, sich zu organisieren, etwa beim Ranzenpacken, Anziehen oder bei Aufgaben in der richtigen Reihenfolge
Oft schauen wir auf: TLR. Hier wirkt aber meist vieles zusammen.
Erkennst du dein Kind in mehreren Gruppen wieder? Dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Passt nur ein einzelner Punkt, gibt es oft naheliegendere Erklärungen.
Warum Schreiben für manche Kinder so viel Kraft kostet, liest du im Artikel „Schreiben ist für mein Kind so anstrengend“.
Anton und das schiefe Heft
Antons Mama wünscht sich eigentlich nur eins: dass die Hausaufgaben nicht jeden Nachmittag zum Kraftakt werden.
Anton ist acht und geht in die zweite Klasse. Stillsitzen fällt ihm schwer. Beim Abschreiben legt er das Blatt schief vor sich. Er lümmelt. Und am liebsten sitzt er auf einem Bein am Tisch. Was sich ja eigentlich nicht gehört. Die Linien im Heft hält er nicht ein. Seine Schrift wandert Zeile für Zeile nach oben, als wollte sie aus dem Heft klettern.
Im Fragebogen beschreibt seine Mama, wie Anton als Baby gekrabbelt ist. Eigentlich gar nicht richtig. Er saß auf dem Po, ein Bein angewinkelt, und hat sich mit den Händen nach vorn gezogen. Oder er ist gehopst.
Auf der Liege zeigt sich dann: Der STNR ist bei Anton noch sehr gestresst. Das ist ein frühkindlicher Reflex, der beim Krabbeln eine große Rolle spielt.
Das schiefe Blatt, das Bein unterm Po, das ungewöhnliche Krabbeln: Vorher waren das für Antons Mama lauter einzelne Baustellen. Jetzt gibt es einen roten Faden, dem wir nachgehen können.
Namen und Einzelheiten sind geändert.
Beobachten statt testen: So sammelst du Hinweise
Nimm dir zwei Wochen Zeit. Schreib auf, was dir auffällt, ohne es zu bewerten. Ein paar Stichpunkte am Abend reichen.
Was genau ist passiert? Zum Beispiel: Blatt schief gelegt, beim Fangen weggeduckt. Wann und wo? Morgens oder nachmittags, zu Hause, in der Schule, beim Sport? Wie oft? Einmal oder fast jeden Tag? Wie ging es deinem Kind dabei? Müde, angespannt, entspannt? Was hat geholfen?
Blätter auch mal im Babyalbum oder frag Oma und Opa: Wie hat dein Kind gekrabbelt? Wann ist es gelaufen? Genau solche Erinnerungen fragt auch der Fragebogen ab.
Deine Notizen bringst du einfach zum ersten Gespräch mit. Sie sagen oft mehr als jeder Selbsttest.
Was sonst dahinterstecken kann
Ein Kind, das zappelt oder schief schreibt, hat nicht automatisch gestresste Reflexe. Ähnliches zeigt sich auch, wenn ein Kind …
- schlecht sieht oder hört,
- zu wenig oder unruhig schläft,
- in der Schule über- oder unterfordert ist,
- Sorgen hat, zum Beispiel wegen Streit mit Freunden, einer Trennung oder Ärger in der Schule,
- einfach etwas mehr Zeit für seine Entwicklung braucht.
Lass deshalb Sehen, Hören und die allgemeine Entwicklung kinderärztlich prüfen, wenn das noch nicht geschehen ist. Frühkindliche Reflexe sind für mich ein möglicher Baustein. Nicht die Erklärung für alles.
Mehr dazu liest du in den Artikeln „Mein Kind kann sich in der Schule nicht konzentrieren“ und „Hat mein Kind ADHS?“.
Wann sich ein genauerer Blick lohnt
Genauer hinschauen würde ich, wenn …
- dir Dinge aus mehreren Bereichen oben auffallen,
- sie schon länger bestehen und nicht von selbst weniger werden,
- dein Kind sich sichtbar anstrengt und trotzdem schwer vorankommt,
- es darunter leidet, zum Beispiel weil es sich für dumm oder ungeschickt hält,
- Schwangerschaft, Geburt oder die ersten Lebensmonate anders verlaufen sind als erwartet, oder dein Kind kaum oder ungewöhnlich gekrabbelt ist.
Dann ist der Fragebogen ein guter erster Schritt.
So schaue ich in der Praxis hin
Den KinFlex®-Fragebogen kannst du dir hier herunterladen. Darin geht es um die Schwangerschaft, die Geburt und die ersten Entwicklungsschritte deines Kindes. Nimm dir Zeit dafür. Manches fällt dir erst beim Ausfüllen wieder ein.
1. Der Fragebogen
Du füllst ihn aus und schickst ihn mir. Ich schaue ihn mir in Ruhe an.
2. Das Kompass-Gespräch
Wir sprechen 30 Minuten per Video. Anhand des Bogens klären wir, ob sich ein genauerer Blick auf die Reflexe lohnt. Oder ob ein anderer Weg besser zu euch passt.
3. Ein Termin mit dir
Zu KinFlex® gehört bei mir immer auch eine Stunde mit dir. Meist kommt die Mama.
4. Der erste Termin mit deinem Kind
Ich frage die Reflexe kinesiologisch ab, mit einem sanften Muskeltest. Dazu kommen ein paar leichte Tests, zum Beispiel auf den TLR, den STNR, den Landau- und den Amphibienreflex. Danach haben wir ein klares Bild.
Zeigt sich, dass Reflexe noch gestresst sind, arbeiten wir daran. Bei KinFlex® heißt das: Wir entstressen und zentrieren, mit sanften Bewegungs- und Wahrnehmungsübungen. Wie das genau abläuft und wie Eltern die Arbeit erlebt haben, liest du auf der Seite KinFlex®-ganzheitliche Reflextherapie.
Bei mir bekommst du zeitnah einen Termin. Ich habe freie Plätze, so können wir bald gemeinsam starten.
In meiner Praxis mindkids in Friedrichsdorf begleite ich Familien aus Friedrichsdorf, Bad Homburg und dem Hochtaunuskreis. Wenn es vor allem um die Schule geht, findest du mehr auf meiner Seite Wenn Schule schwerfällt.
Häufige Fragen von Eltern
Kann ich frühkindliche Reflexe zu Hause selbst testen?
Anleitungen dafür gibt es viele. Die Ausführung und vor allem das Deuten sind aber schwieriger, als es aussieht. Ein Ergebnis kann dich unnötig beunruhigen oder falsch beruhigen. Beobachte lieber im Alltag und schreib auf, was dir auffällt. Der Reflexcheck gehört in erfahrene Hände.
Woran erkenne ich, ob frühkindliche Reflexe noch aktiv sind?
Hinweise können sich beim Sitzen, Schreiben und Lesen zeigen, bei Gleichgewicht und Bewegung, bei der Impulskontrolle oder beim Einschätzen von Abständen und Zeit. Einzeln sagen diese Beobachtungen wenig. Wenn mehreres zusammenkommt und auch der Fragebogen Hinweise gibt, lohnt sich ein genauer Blick.
Wachsen sich frühkindliche Reflexe von selbst aus?
Meistens treten sie in den ersten Lebensjahren von selbst in den Hintergrund. Wenn dein Kind gut zurechtkommt, musst du nichts tun. Wenn es sich dauerhaft schwertut, lohnt es sich hinzuschauen.
Mein Kind ist unruhig und unkonzentriert. Muss das gleich ADHS sein?
Nein. Unruhe und Konzentrationsprobleme können viele Gründe haben. Gestresste Reflexe können einer davon sein. Genauso gut Schlaf, Sehen, Hören, Überforderung oder Sorgen. Mir ist wichtig, dein Kind abzuholen, bevor es ein Etikett bekommt. Wenn wir genau hinschauen, zeigt sich oft, was es wirklich braucht. Bleibt der Verdacht trotzdem, ist eine fachärztliche Abklärung der richtige Weg. Mehr dazu im Artikel „Hat mein Kind ADHS?“.
Ist ein Reflexcheck nur etwas für kleine Kinder?
Nein. Ich arbeite mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.
Wie schnell bekomme ich bei dir einen Termin?
In der Regel zeitnah, denn ich habe freie Termine. Am einfachsten buchst du dir ein kostenloses Kennenlern-Telefonat.
Über die Autorin
Julia Meister ist Heilpraktikerin für Psychotherapie und begleitet in ihrer Praxis mindkids in Friedrichsdorf Kinder, Jugendliche und Eltern. Seit 2018 arbeitet sie mit frühkindlichen Reflexen, seit 2020 mit KinFlex®. Ihre Schwerpunkte sind Konzentration und Schule, Ängste, Selbstregulation und frühkindliche Reflexe. Mehr über mich
Kommt dir das bekannt vor?
Wenn du dein Kind in diesem Artikel wiedererkennst, melde dich gern. Gemeinsam schauen wir, ob frühkindliche Reflexe bei euch eine Rolle spielen können und welcher nächste Schritt zu euch passt.
Liebe Grüße,
Julia Meister
mindkids
Julia Meister
Heilpraktikerin für Psychotherapie
Wilhelmstraße 14 b
61381 Friedrichsdorf
Telefon: 01522 5703225
E-Mail: info@mindkids.de
Ganzheitliche Begleitung für Kinder, Jugendliche und Eltern bei Konzentrationsproblemen, frühkindlichen Reflexen, Schulproblemen, ADHS und Entwicklungsfragen
– für Familien aus Friedrichsdorf, Bad Homburg und dem Hochtaunuskreis.
Quellen und weiterführende Informationen
StatPearls (NCBI Bookshelf):
Primitive Reflexes
McWhirter, Steel, Adams (2024), Journal of Child Health Care:
The association between learning disorders, motor function, and primitive reflexes in pre-school children: A systematic review
KinFlex®:
Website von KinFlex®
mindkids:
KinFlex®-Fragebogen für Eltern (PDF)
Weitere Artikel findest du im Elternwissen.