Der Kuli vom Tischnachbarn klickt. Eine Jacke raschelt. Draußen fährt ein Auto vorbei. Manchmal reicht schon ein Luftzug. Und dein Kind ist weg. Mit dem Kopf überall, nur nicht bei der Aufgabe.

Zu Hause rufst du zum dritten Mal zum Essen. Keine Reaktion. Dabei hat dein Kind eben noch gehört, wie im Nebenzimmer das Handy vibriert hat.

Du wünschst dir eigentlich nur eins: dass dein Kind bei dem bleiben kann, was gerade wichtig ist. Und dass es dich hört, wenn du mit ihm sprichst.

Kurz gesagt: Normalerweise prüfen wir ein neues Geräusch kurz, stufen es als harmlos ein und blenden es dann aus. Manchen Kindern fällt genau dieses Ausblenden schwer. Sie lassen sich von jedem Geräusch ablenken, weil jedes Geräusch wieder neu ist und die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Dahinter können ganz verschiedene Dinge stecken: das Hören selbst, die Verarbeitung von Geräuschen, Müdigkeit, Stress oder Sorgen. In meiner Arbeit mit frühkindlichen Reflexen schaue ich außerdem auf den Pawlowschen Orientierungsreflex. Er kann ein Baustein sein. Die Erklärung für alles ist er nicht.

Was dein Kind dabei erlebt

Für dein Kind ist die Welt oft einfach laut. Nicht unbedingt lauter als für andere. Aber alles ist gleich wichtig: das Kratzen eines Stuhls, das Flüstern hinten links, die Stimme der Lehrerin.

Und dann hört es immer wieder denselben Satz: „Pass auf!“ Dabei strengen sich viele dieser Kinder enorm an. Von außen sieht man das nicht. Man sieht nur ein Kind, das schon wieder aus dem Fenster schaut.

Nach der Schule ist der Akku leer. Mehr dazu im Artikel „Mein Kind ist nach der Schule erschöpft“. Manche Kinder ziehen sich zurück. Andere setzen in der Klasse die großen Kopfhörer auf, die sie „Micky-Mäuse“ nennen. Und manche bauen sich regelrecht eine Mauer, damit endlich Ruhe ist.

Was du als Mutter oder Vater dabei erlebst

Du sitzt mit deinem Kind am Küchentisch. Eine Aufgabe, die zehn Minuten dauern sollte, dauert eine Stunde. Bei jedem Geräusch aus dem Flur geht der Kopf hoch.

Du hast das Gefühl, dein Kind hört einfach nicht zu, was du sagst. Du rufst, wiederholst, wirst lauter. Und irgendwann fragst du dich: Will es nicht, oder kann es nicht?

Dazu kommen die Gespräche in der Schule. „Er passt nicht auf.“ „Sie ist so verträumt.“ Vielleicht ist auch schon das Wort ADHS gefallen.

Vielleicht kennst du das von dir selbst

Als die Flugrouten am Frankfurter Flughafen geändert wurden, zogen plötzlich auch über den Hintertaunus mehr Flugzeuge. Nicht laut, nicht ständig, eher ein fernes Brummen ab und zu. Die meisten haben es nach ein paar Wochen kaum noch bemerkt. Andere haben sich über jedes einzelne Flugzeug aufgeregt, Monat für Monat. Als wäre jedes Flugzeug wieder das erste.

Wer dagegen in Sachsenhausen wohnt, darf sich ärgern. Da ist es wirklich laut, und mit Reflexen hat das nichts zu tun.

Genau das ist der Unterschied: Nicht der Lärm an sich ist das Thema, sondern dass ein leises, harmloses Geräusch einfach nicht in den Hintergrund rutschen will. Ungefähr so kann sich der Alltag für Kinder anfühlen, denen das Ausblenden schwerfällt.

Was alles dahinterstecken kann

Wenn sich dein Kind von jedem Geräusch ablenken lässt, gibt es viele mögliche Gründe.

Das Hören selbst

Ein Hörtest beim Kinderarzt oder beim HNO-Arzt zeigt, ob dein Kind gut hört. Das ist ein einfacher erster Schritt.

Wie Geräusche verarbeitet werden

Oft ist beim Hörtest alles in Ordnung, und dein Kind tut sich trotzdem schwer. Dann lohnt sich ein Blick darauf, wie es Geräusche verarbeitet und herausfiltert. Genau darauf schaue ich mit dem Benaudira® Hörtraining.

Müdigkeit

Ein müdes Kind kann schlechter filtern. Schlaf, ein langer Schultag und volle Nachmittage machen einen großen Unterschied.

Stress, Sorgen und Ängste

Ein Kind, das innerlich angespannt ist, ist schneller in Alarmbereitschaft. Dann wird jedes Geräusch zur möglichen Störung. Mehr dazu auf meiner Seite Ängste.

Über- oder Unterforderung

Wer eine Aufgabe nicht versteht oder längst fertig ist, lässt sich leichter ablenken.

ADHS-Symptome

Leichte Ablenkbarkeit gehört dazu. Aber nicht jedes ablenkbare Kind hat ADHS. Mehr dazu im Artikel „Hat mein Kind ADHS?“.

Oft kommt mehreres zusammen. Den großen Überblick findest du im Artikel „Mein Kind kann sich in der Schule nicht konzentrieren“.

Der Reflex dahinter: der Pawlowsche Orientierungsreflex

Kennst du das? Hinter dir fällt etwas herunter, und du drehst dich um, bevor du überhaupt nachdenkst. Das ist die Orientierungsreaktion. Der russische Forscher Iwan Pawlow nannte sie den „Was-ist-los-Reflex“.

Sie ist sinnvoll. Etwas Neues passiert, und wir prüfen kurz: Ist das wichtig? Ist das gefährlich?

Wiederholt sich das Geräusch, gewöhnen wir uns daran. In der Fachliteratur heißt es, dass das meist nach 10 bis 30 Wiederholungen passiert. Danach blenden wir es mühelos aus. Nur was wirklich wichtig ist, holt uns sofort zurück. Zum Beispiel der eigene Name.

Stell dir eine Uhr im Klassenzimmer vor. Nach ein paar Minuten hört sie kaum noch ein Kind. Dein Kind hört sie noch nach einer halben Stunde. Bei jedem Tick.

Übrigens nutzt man die Orientierungsreaktion schon seit Jahrzehnten, um das Hören kleiner Kinder zu prüfen. Man raschelt zum Beispiel mit Papier und schaut, ob sich das Kind zum Geräusch dreht.

Was ich in meiner Arbeit beobachte

Bis hierhin ist das gut erforscht. Was jetzt kommt, ist Erfahrungswissen aus meiner Arbeit mit KinFlex®.

In der Wissenschaft gilt die Orientierungsreaktion als normale Reaktion, die uns ein Leben lang begleitet. In der KinFlex®-Arbeit gehen wir davon aus, dass sie bei manchen Kindern noch gestresst sein kann. Dann klappt das Ausblenden nicht richtig. Jeder Reiz wird immer wieder neu geprüft. Oder das System geht bei allem Ungewohnten sofort in Alarmbereitschaft.

Bei diesen Kindern beobachte ich oft, dass auch das gezielte Hören schwerfällt: aus vielen Geräuschen das eine herauszuhören, das gerade wichtig ist. Die Stimme der Lehrerin. Oder die Stimme der Mama.

Der Pawlowsche Orientierungsreflex gehört zu den sogenannten Stress-Schutz-Reflexen.

Reflexkarte Pawlowscher Orientierungsreflex von KinFlex®

Beobachtungen, die wir in der Reflexarbeit bei diesem Reflex oft sehen. Das ist Erfahrungswissen und keine Diagnose. Vieles davon kann auch ganz andere Gründe haben. Grafik: KinFlex Institut.

Was frühkindliche Reflexe genau sind, liest du im Überblick „Frühkindliche Reflexe“. Woran du im Alltag Hinweise erkennen kannst, steht im Artikel „Frühkindliche Reflexe testen“.

Der klickende Kuli

Leo hält es in der Schule kaum aus. Der Kuli vom Tischnachbarn klickt. Eine Jacke raschelt. Jemand rückt seinen Stuhl. Jedes Geräusch reißt ihn raus, jedes Mal aufs Neue.

Irgendwann bekommt Leo eine Wand aus Pappe, die seinen Platz von drei Seiten abschirmt. Damit ist es ruhiger. Aber Leo sitzt jetzt auch ein Stück allein.

Bei Leo haben wir an mehreren Stellen angesetzt: an den frühkindlichen Reflexen mit KinFlex®, am Hören mit Benaudira®, an den Gefühlen mit mindTV® und V.E.N.U.S.®. Und irgendwann brauchte Leo die Pappwand nicht mehr.

Namen und Einzelheiten sind geändert.

Was im Glücksglas landet

Nach dem ersten KinFlex®-Termin bekommen Kinder bei mir ein Glücksglas. Jeden Abend schreiben sie, gern zusammen mit ihren Eltern, auf einen Zettel, was ihnen heute leichter gefallen ist als gestern. Sie falten den Zettel und legen ihn ins Glas. Zum Abschluss bringen sie das Glas mit. Wir schauen uns alle Zettel gemeinsam an, und das Kind darf sich einen kleinen Schatz aus meiner Schatzkiste aussuchen.

Ein Glücksglas mit lila Schmetterling auf dem Deckel, davor ausgebreitet die gesammelten Zettel eines Kindes
Glücksglas-Zettel: Wenn Mama mich ruft, dann reagier ich. Ich sage ihr, was ich gerade mache.
Glücksglas-Zettel: Ich kann mich länger konzentrieren.
Glücksglas-Zettel: Ich melde mich mehr.
Glücksglas-Zettel: Ich konnte mich gut bei den Hausaufgaben konzentrieren.
Glücksglas-Zettel: Die Hausaufgaben habe ich schneller erledigt.
Glücksglas-Zettel: Bin konzentrierter und finde meine Sachen wieder.

Nicht jede Familie erlebt das so. Manche Veränderungen sind leise, und manche brauchen Zeit. Aber genau diese kleinen Sätze zeigen, worum es geht.

Was du zu Hause tun kannst

Erst Kontakt, dann sprechen

Geh zu deinem Kind, sag seinen Namen und warte, bis es dich anschaut. Dann sag, was du möchtest. Ein Satz statt drei.

Den Arbeitsplatz drehen

Mit dem Rücken zu Tür und Fenster. Was dein Kind nicht sieht, lenkt weniger ab.

Gleich statt wechselnd

Ein gleichmäßiges Geräusch stört oft weniger als ständig neue. Manchen Kindern hilft leise, immer gleiche Musik. Probier aus, was bei deinem Kind passt.

Ungewohntes ankündigen

„Gleich klingelt der Handwerker.“ Was angekündigt ist, erschreckt weniger.

Pausen in Ruhe

Nach der Schule erst einmal ankommen, bevor die Hausaufgaben beginnen.

Mit der Lehrkraft sprechen

Oft hilft schon ein anderer Sitzplatz: weiter vorn, weg von Tür und Fenster.

Und bitte: nicht schimpfen

Ablenkung ist kein böser Wille. Hol dein Kind zurück, ruhig und klar.

Wann sich ein genauer Blick lohnt

Genauer hinschauen würde ich, wenn …

  • sich dein Kind seit Monaten von fast jedem Geräusch ablenken lässt,
  • es nach der Schule regelmäßig völlig erschöpft ist,
  • es sich zurückzieht oder sich selbst als „dumm“ oder „anders“ erlebt,
  • Unruhe, Ängste oder Wut dazukommen,
  • der Hörtest in Ordnung war und es trotzdem nicht leichter wird.

So begleite ich euch

Zuerst füllst du den KinFlex®-Fragebogen aus. Im Kompass-Gespräch klären wir, wo bei euch der Hebel liegt. Je nach Kind arbeite ich mit KinFlex®, dem Benaudira® Hörtraining, mindTV® und mit euch Eltern. Wenn vor allem Stress und Anspannung im Vordergrund stehen, bei deinem Kind und bei dir, passt oft das Paket Reset & Stabilisierung.

Bei mir bekommst du zeitnah einen Termin. In meiner Praxis mindkids in Friedrichsdorf begleite ich Familien aus Friedrichsdorf, Bad Homburg und dem Hochtaunuskreis. Wenn es vor allem um die Schule geht, schau auf meine Seite Wenn Schule schwerfällt.

Häufige Fragen von Eltern

Ist mein Kind hochsensibel?

Vielleicht. Hochsensibilität ist keine Diagnose. Der Begriff beschreibt Menschen, die Reize besonders intensiv wahrnehmen. Viele Eltern finden ihr Kind darin wieder, und das kann entlasten. Trotzdem lohnt es sich zu schauen, was genau dahintersteckt und was deinem Kind im Alltag hilft.

Hört mein Kind vielleicht schlecht?

Das ist möglich. Ein Hörtest ist ein einfacher erster Schritt. Ist dort alles in Ordnung, kann es trotzdem sein, dass dein Kind Geräusche schwer herausfiltert.

Ist das ADHS?

Nicht unbedingt. Leichte Ablenkbarkeit gehört zu den ADHS-Symptomen, hat aber viele mögliche Gründe. Mir ist wichtig, dein Kind abzuholen, bevor es ein Etikett bekommt. Bleibt der Verdacht, ist eine fachärztliche Abklärung der richtige Weg.

Helfen Kopfhörer in der Schule?

In lauten Phasen können sie entlasten. Wenn dein Kind sie aber ständig braucht, lohnt sich der Blick darauf, warum.

Wächst sich das aus?

Viele Kinder lernen mit der Zeit, besser zu filtern. Bleibt es lange schwer und leidet dein Kind darunter, lohnt sich ein genauer Blick.

Wie schnell bekomme ich bei dir einen Termin?

In der Regel zeitnah, denn ich habe freie Termine. Am einfachsten buchst du dir ein kostenloses Kennenlern-Telefonat.

Über die Autorin

Julia Meister ist Heilpraktikerin für Psychotherapie und zertifizierte KinFlex® Reflextherapeutin. In ihrer Praxis mindkids in Friedrichsdorf begleitet sie Kinder, Jugendliche und Eltern. Seit 2018 arbeitet sie mit frühkindlichen Reflexen. Ihre Schwerpunkte sind Konzentration und Schule, Ängste, Selbstregulation und frühkindliche Reflexe. Mehr über mich

Kommt dir das bekannt vor?

Wenn dein Kind alles hört, nur nicht das, was es soll, melde dich gern. Gemeinsam schauen wir, was dahintersteckt und welcher nächste Schritt zu euch passt.

Liebe Grüße,

Julia Meister

mindkids
Julia Meister
Heilpraktikerin für Psychotherapie
Wilhelmstraße 14 b
61381 Friedrichsdorf

Telefon: 01522 5703225
E-Mail: info@mindkids.de

Ganzheitliche Begleitung für Kinder, Jugendliche und Eltern bei Konzentrationsproblemen, frühkindlichen Reflexen, Schulproblemen, ADHS und Entwicklungsfragen
– für Familien aus Friedrichsdorf, Bad Homburg und dem Hochtaunuskreis.

Quellen und weiterführende Informationen

Dorsch Lexikon der Psychologie:
Orientierungsreaktion

DocCheck Flexikon:
Orientierungsreaktion

Bernath, O. & Bormann, B. (1975), Folia Phoniatrica et Logopaedica 27(5), 389–392:
Der Orientierungsreflex in der Kinderaudiologie

AWMF, Stand 2020:
S1-Leitlinie Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (AVWS)

KinFlex®:
Website von KinFlex®

mindkids:
KinFlex®-Fragebogen für Eltern (PDF)

Weitere Artikel findest du im Elternwissen.

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